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Reviews
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Übersetzung
aus dem Bulgarischen
Wochenzeitung „Kapital“
erschienen in der Woche 03.-09.02.2001 in der Rubrik: „Theater“
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Sextett
für sechs Menschenseelen
Von Anelija Janewa
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Der
Brudermord wegen eines alten Goldschatzes hat die Schicksale
von sechs Familienangehörigen dreier Generationen aufgespießt.
Ein Nachtgespenst sorgt für schlaflose Nächte im Haus
von Awram Tanurkow. Der gestohlene Goldschatz lässt die
Kinder für die Sünden ihrer Eltern zahlen und versündigen
sich selbst. Als der alte Sünder ins Jenseits kommt, ist
der Nachtgespenst überrascht: „Deine Seele ist ja
ganz weiß! Ich hatte eine verkleckerte Seele erwartet…“
Bojan Papasow schrieb sein Theaterstück
„Beschwörung von Flöhen“ sechs Jahre lang
– zwischen 1993 und 1999. Uraufgeführt wurde es auf
der Bühne des Theaters der Bulgarischen Armee. Der Wortschwall
des Lebens, die die Aufmerksamkeit festhaltende Beichte, die
wie einen Teppich aus den Rhodopen bunte Sprache und die monolithischen
Charaktere sprengen den Rahmen der Bühne und lassen Schauspieler
und Publikum gemeinsam etwas erleben. Die starke Wirkungskraft
des Textes erinnert an Ekaterina Tomowas „Die Vergessenen
im Himmel“. „Beschwörung von Flöhen“
ist ein literarisches Werk der gleichen hohen Klasse, obwohl
das Stück für Theater geschrieben worden ist. Das
Theaterstück besteht aus sechs Soloparten (während
Tanurkos Monologs hört man auch die Kinderstimme seines
vom ihm getöteten Bruders, aber es bleibt trotzdem ein
Selbstgespräch). Jeder der Bühnenhelden könnte
allein existieren, als ein Monoschauspiel, ohne dabei den Sinn
und die Wirkungskraft einzubüssen. Ein Beweis dafür
ist die vom Regisseur Krikor Asarjan geänderte Reihenfolge
der Auftritte. Asarjan hat das Wortpuzzle auf seiner Art und
Weise zusammengesetzt. Meiner Meinung nach erfolgreich. Dafür
aber hat er es nicht geschafft, die mystische Tragikomödie
von Bojan Papasow in eine adäquate Bühnensprache zu
übersetzen. Obwohl er die Neuheiten in der Theatermode
einsetzt (Videodesign von Georgi Bogdanow und Boris Missirkow),
bewegt sich die Aufführung auf der Oberfläche des
vielschichtigen Theaterstücks. Nikola Toromanow (Design)
hat die Bühne in Jenseits und Diesseits horizontal geteilt.
Auf der Leinwand präsentieren sich zu Beginn und zum Schluss
der Wecker der Zeit und die krümmen Gestalten der Familienmitglieder,
die eine nach der anderen das Diesseits verlassen und sich ins
Jenseits begeben. Toromanows Arbeit ist jedoch von seinem Können
in Tschechows „Drei Schwestern“ (Theater „Sofia“),
„Quartett“ (Theater „Sfumato“) und „Verona“
(Volkstheater „Iwan Wasow“) weit entfernt.
Was die Schauspielkunst in diesem Theaterstück
anbelangt, so ist das Theater der Bulgarischen Armee selbst
schuld, dass es sich vom Wettbewerb um den bulgarischen Theaterpreis
„Askeer“ freiwillig zurückgezogen hat. Awram
Tanurkow von Wassil Michajlow überzeugt mit der Erfahrung
eines Mannes, der durch alle Lebenswandlungen in der absurden
Epoche des Sozialismus in Bulgarien gegangen ist, das Kreuz
der Sünde trägt und deshalb die Sünde seiner
Mörder erlassen kann.
Von Meglena Karalambowa (Spassija) sprüht
die Frömmigkeit ihrer Heldin. Die Schauspielerin beherrscht
die Plastik der zähen Frau, die ihr ganzes Leben auf dem
Acker verbracht hat, bis ins Detail. Das schwarze Kopftuch steht
dem eigentlich kindlichen Gesicht nicht.
Der Kontrast zwischen dem Alter und der Bühnenerfahrung
von Christina Janewa in der Rolle der Beba ist ebenfalls eigenartig,
zumal Christina Janewa einer der Neuzugänge im Theater
der Bulgarischen Armee ist. Hinter der wuscheligen Perücke
der drogensüchtigen Nute, die mit dem Tod spielt, der rauen
Stimme, der groben Umgangssprache und dem paralysierten Körper
versteckt sich eigentlich eine temperamentvolle und lebhafte
Schauspielerin. Auf der Bühne ist sie die hohle Schale
eines menschlichen Wesens, dessen Seele längst tot ist.
Sarko von Kamen Donew ist ein Mörder mit unschuldigem Gesicht,
der die Grausamkeit seiner Tat wohl nicht erkennt und deshalb
so sorgenlos durch das Leben schreitet. Lasar von Dejan Donkow
ist tatsächlich wie Lazarus von Bethanien von Jesus wieder
zum Leben erweckt. In seiner Darbietung fehlt jedoch noch die
Kraft des Schreis am Finale: „Gott segne!“ Stefanija
Kolewa verleiht den Worten: „Ich rede solch eklige Dinge,
dass ich mich selbst in ein ekliges Ding verwandle…“
eine wahre Bühnengestalt.
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Übersetzung aus dem Bulgarischen
Zeitung „Kultura“ (zu Deutsch:
Kultur)
erschienen am 02.02.2001 in der Rubrik: „Kritik aus der
Loge“
Auf der Bühne –
Bojan Papasow
Von Wioleta Detschewa
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„Beschwörung
von Flöhen“ von Bojan Papasow, Theater der Bulgarischen
Armee, Regie Krikor Asarjan, Design Nikola Toromanow, Videodesign
Georgi Bogdanow und Boris Missirkow, Musik Stefan Waldobrew.
Darsteller: Wassil Michajlow, Meglena Karalambowa, Dejan Donkow,
Christina Janewa, Kamen Donew, Stefanija Kolewa u.a.
„Beschwörung von Flöhen“
(Ich rede in den Wind) ist das jüngste Theaterstück
von Bojan Papasow. Eines seiner besten. Eines der besten in
der bulgarischen Dramaturgiegeschichte der letzten Jahre. Die
Sprache seiner Bühnenhelden, die in der Marginalität
versunken sind, ist reich, bildhaft, physiogen, esoterisch,
hyperrealistisch und äußerst flexibel. Lese man den
Text, spielt er sich auf der Bühne der Vorstellungskraft
ab. Sehe man den Text, behält er seinen literarischen Wert.
Die Sprache von Papasows „Beschwörung von Flöhen“
ist in den Archietypen der bulgarischen Literatur und Dramaturgie
tief verankert. Man bemerkt sofort die ausgestreckte Hand, die
nach jemanden greift, der hören und verstehen kann. Aber
wo ist dieser jemand? Diese, auf dem ersten Blick einfache Frage
bleibt ohne Antwort hängen. Diese Frage stellt sich auch
in anderen Texten von Bojan Papasow, wie etwa in „Blinde
Hoffnung“: „Die Worte können vom Feuer nicht
erfasst werden. (…) Wir dürfen nicht schweigen. Eines
Tages werden wir gehört.“
Der
Text von Bojan Papasow ermöglicht dem Leser natürlich
verschiedene Lese- und Deutungsmöglichkeiten. Man könnte
ihn auch als eine Antwort, eine Interpretation grundlegender,
typisch bulgarischer Sujets der hiesigen Dramaturgie lesen.
Zum Beispiel von Jowkows „Borjana“. Hier, wie auch
bei „Borjana“, hockt Tanurko bei seinem gestohlenen,
sündhaften Goldschatz. Aber es fehlt die Hoffnung, die
Jowkow durch Borjana bringt. Wie fast alle Frauengestalten von
Jordan Jowkow ist auch Borjana eine Gestalt der Transgression.
Sie ist die Hoffnung auf eine Änderung im Status quo; sie
ist die poetische, und nicht blinde Hoffnung, die etwas Neues
herbeibringen kann. Bojan Papasow ersetzt eine ähnliche
Gestalt durch die vom Jenseits beobachtenden Personen. Sie werden
Zeugen, wie sich jeder in der Umlaufbahn seines eigenen Lebens,
wie ein Derwisch dreht. So gibt er die Hoffnung dem immer noch
geheimnisvollen, unerklärten Gang des Lebens weiter –
dem Lasar, der einen Sohn bekommt.
Bojan
Papasow nannte seine „Beschwörung von Flöhen“
eine mystische Tragikomödie. In der Bühneninterpretation
von Krikor Asarjan ist sie weniger mystisch, obwohl das Videodesign,
die zweite, obere Hälfte der Bühne für die Mystik
„im Theater des Lebens, das sich unten, im offenen Fenster
der handelnden Personen, abspielt“, sorgen sollte. Ich
kann mir vorstellen, wie schwer es ist, diesen Text auf die
Bühne zu bringen. Krikor Asarjan hat eine der wenigen möglichen,
erfolgreichen und vorsichtigen Herangehensweise gefunden. Er
hat die sechs Soloparten jedes Mitgliedes dieser in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandergegangenen und in
die Marginalität vertriebene Familie, bestehend aus Bulgaren,
Zigeunern, Armeniern usw., in die Symmetrie eines „sprechenden“
Stammbaumes geordnet. Im Gegensatz zum Text, beginnt die Theatervorstellung
mit dem Monolog des Großvaters (der Vaterfigur) Awram
Tanurkow (Wassil Michajlow, dem die Hälfte des Textes fehlt).
Die Familiengeschichte endet, wie es auch der Autor für
richtig hielt, mit dem Monolog der Großmutter (der Mutterfigur)
Spassija. Der Regisseur stellt jede der handelnden Personen
in den eindeutigen Charakterumriss, der das im eigenen Leben
Erlebte widerspiegelt. Diese Herangehensweise schmälert
vielleicht die metaphysische Wirkungskraft des Textes. Sie verwandeln
ihn jedoch in eine Theatervorstellung mit lebendigen Menschen
und gibt den Schauspielern die seltene Möglichkeit, eine
in Erinnerung bleibende Bühnengestalt zu präsentieren.
Diese Chance haben Meglena Karalambowa (Spassija), Kamen Donew
(Sarko) und Dejan Donkow (Lasar) am eindruckvollsten genutzt.
In
der Betonung der Intonation, der Plastik usw. jeder einzelnen
Person setzte man traditionsgemäß der „Komödie“.
Neben der Komödie hebt Krikor Asarjan eher das Dramatische,
als das Tragische hervor. In seiner Betrachtung von Papasows
leidenden Helden entdecken wir Gutmütigkeit und Traurigkeit.
Sie sind ein Trost – nicht nur für sie, sondern auch
für uns alle, die in den Wind reden.
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