“Der Plan für die
kommenden Jahrzehnte sieht ungefähr so aus: Die Zigeuner
werden mit ihren Wagen ankommen und mitten auf den Champs-Elysees
ihr Lager aufschlagen, bulgarische Bären werden auf dem Berliner
Kudamm ihre Kunststücke vorführen, halbwilde Ukrainer
gründen in der Poebene, vor den Toren Mailands, ihre mysogynen
Kosakeneinheiten, besoffene und in Gebete versunkene Polen verwüsten
die Weinberge an Rhein und Mosel und pflanzen dort Sträucher
an, die mit reinem Spiritus gefüllte Früchte tragen
... Schwer zu sagen, was die Rumänen mit ihren Millionen
von Schafherden machen werden ... Serben, Kroaten und Bosnier
überqueren mit ihren dalmatinischen Einbäumen den Ärmelkanal
und balkanisieren Britannien ... Und was die Albaner tun werden,
übersteigt jegliche menschliche Vorstellungskraft ...“
Wenn man dem polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk Glauben
schenkt, werden wir Europa in Zukunft nicht wiedererkennen.
Mein Stück der neuen
Saison heißt “Demon sale”. Verfasst hat es der
bulgarische Film- und Theaterautor Boyan Papazov. Die mit “sanfter/leiser
Wahnsinn” untertitelte freie Szenenfolge von 16 Episoden
sträubt sich gegen eine deutsche Übertragung. Doch dem
eigenwilligen Theatertext gelingt eine groteske Momentaufnahme
des Ost-Westkonfliktes, der die Verheerungen, die uns allen bevorstehen,
in charmanter Weise vorwegnimmt.
Die
Anthropologin Simona ist ehrgeizig und jung. Seit dem Sturz des
Kommunismus lebt sie mit ihrer griechisch-bulgarischen Mutter
und ihrem russisch-jüdischen Vater in Florida. Wie überall,
wo der Liberalismus regiert, herrscht auch an der amerikanischen
Ostküste reges Interesse an “native studies”,
solange die Wilden nicht vor der eigenen Haustüre campieren.
Simona sucht sich deshalb die Zigeuner in der alten Heimat als
Objekt ihrer Feldstudien aus. Um so schnell wie möglich in
eine Zigeuner-Sippe aufgenommen zu werden, wird sie die Geliebte
von Benko Kotar. Was ihrer Mutter missfällt. Entsetzt über
die “intimen Studien” ihrer Tochter, gibt sie einem
Privatdetektiv den Auftrag Simona zu entführen und im Kosovo
zu verkaufen, den Raub aber als Untat von Benkos Clan darzustellen.
Benko, des Lesens und Schreibens kundig und mithin so etwas wie
ein freigestellter Intellektueller des Clans, wird zum Bauernopfer.
Die Clanmafia bestimmt, dass er stellvertretend ins Gefängnis
geht. Dort kann er in Ruhe sein Familientagebuch zu Ende schreiben.
Als Trostpflaster erhält er Geld für ein Studium im
Ausland und einen Verlag für sein Buch. Simona hat gelernt,
wie es bei Zigeuner wirklich zugeht und was ihr Ehrgeiz kostet.
Alle sind zufrieden und besaufen sich.
So
in etwa der Gang der Dinge in “Demon Sale” von Boyan
Papazov. Ein Stoff wie für einen Film, der aus dem Konflikt
von Massenarmut und Luxus im heutigen Bulgarien die kriminelle
Konsequenz zieht. Die Folie für den Plot liefert der Ausverkauf
der “native culture” und ihrer mündlichen Erzähl-
und Darstellungsformen. Wer gar nichts mehr besitzt, kann noch
immer die Gespenster, die ihn jagen, in klingende Münze verwandeln.
Doch was auf dem Markt der unbegrenzten Möglichkeiten verhökert
wird, schwingt sich in “Demon sale” zur großen
Bühnenform auf. Irrwitzig die Erzählungen, in denen
die Figuren von ihren Träumen und Verfehlungen sprechen,
die hyperreale Sprache entwickelt dabei Suggestion und Lebenskraft.
Auf
einer zweiten Ebene indes greift der “leise Wahnsinn”
des Boyan Papazov den seit dem Ende des Kalten Krieges herrschenden
Identitätswahn an. “Kulturalismus“ heißt
diese Art von Weltbetrachtung, die man Managern transnationaler
Konzerne in Auslandsschulungen beibringt. Nicht mehr Interessen
rangeln hier um Macht, Einfluss und Profit, sondern essentielle
Kulturen und Mentalitäten. Mal kriegerisch wie Samuel P.
Huntingtons “clash of civilizations”, mal friedlich,
freundlich, eierkuchenmäßig wie bei den Apologeten
von Multikulti. Immer gilt: der Andere ist auf Gedeih und Verderb
an seine Kultur gefesselt. Und wer eignete sich besser für
dieses Bild des Anderen als die “Zigeuner”, die Sinti
und Roma, die mit ihrer nomadischen Lebensweise noch allemal den
inneren Schweinehund Europas zum Kläffen bringen. In Tschechien
baut man Mauern, damit man die Zigeuner nicht sehen muss, in Deutschland
werden sie an den Rand der Müllplätze verbannt, in Rumänien
werden sie schon einmal gleich totgeschlagen. Die Zigeuner sind
die Anderen par excellence. Gäbe es sie nicht, man müsste
sie erfinden.
Bei
Papazov wartet “das Auge” Simona sehnsüchtig
auf den authentischen Moment. Aber was sie sieht und schließlich,
scheinbar, am eignen Leib erlebt, gleicht nur der Welt, die sie
schon kennt. Schleppertätigkeit, Mädchenhandel, Prostitution
und Kleinkriminalität bestimmen das Leben der Außenseiter.
Auch hier hat die Mafia, als einzige funktionierende Organisationsstruktur,
das letzte Wort. Wie Europa (und Amerika) seine Außenseiter
anblickt, so schauen sie zurück. Der “Andere”
ist eine Fiktion, die Sehnsucht nach dem ungebundenen “Zigeuner-
Leben” eine Operette, vielleicht von Kustorica, aber allemal
so unwahr wie die Vorstellung eines sauberen, ordentlichen Europa
nach deutsch-französischem Muster.
Andrea Koschwitz ist Dramaturgin an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
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